"Die Kraft der Worte" - Sprache kann in die Irre führen und zerstören, aber auch heilen und Hoffnung geben. Pfarrerin Anke Prumbaum hat das in dieser Woche unmittelbar erlebt.
Die Krankenhausseelsorgerin spricht über eine bewegende Begegnung, die Kraft eines einzelnen Wortes und warum wir nicht damit aufhören dürfen, gute Worte bewusst auszusprechen. Ich habe in dieser Woche eine sehr intensive Begegnung mit einem Patienten gehabt - auf der Palliativstation.
Wir saßen zusammen - er, der Patient, ich, die Seelsorgerin. Und dann sagte er einen Satz, der mich total angerührt hat. Er sagte: Ach, am Ende des Tages müssen wir doch alle zusehen, dass unsere Regenbogentonne leer ist.
Regenbogentonne. Was für ein seltsames Wort. Als er es sagte, habe ich die Bedeutung eher gespürt als verstanden. Aber: als er das sagte, kamen mir die Tränen.
Das passiert mir nicht oft, aber ab und zu doch, und ich finde das nicht unprofessionell. Es war ein Moment von ganz besonderer Nähe. Unsere Regenbogentonne.
Ich kenne dieses Wort nicht. In dem Wort steckt aber alles drin, find ich. Meine Lebensbilanz, das Gute und das Schwere, das, was ich gebe und das, was meine Speicher füllt - ganz ohne, dass ich was dazu tue.
Eine Tonne voller Regenbogen, voller Licht und Tränen, Farben, und Gottes Zeichen des Segens. Zum Austeilen und Neufüllen und Weitergeben, bis sie leer ist und nichts übrigbleibt. Manche Worte sind so gut!
So schön und so heilend. Letztens im Bus griff ein Mann neben mir nach der Haltestange, sein Ärmel rutschte hoch und er hatte so ein kleines blaues Perlenarmband und mittendrin vier Buchstabenperlen, die das Wort „HOPE“ bildeten.
Hoffnung. Und auch da dachte ich: Wow! Ein Wort, in dem so vieles liegt: Festhalten am Guten, Aushalten, was mich in Bedrängnis bringt. Heilsame Worte. In dieser Woche am Dienstag das genaue Gegenteil: Da ist das Unwort des Jahres 2025 veröffentlicht worden.
Jeder kann Vorschläge einreichen und dann entscheidet eine Jury. Das Unwort des Jahres ist ein Wort, das in besonderer Weise gegen die Prinzipien der Menschenwürde oder Demokratie verstößt.
Ein diskriminierendes Wort, oder eins, das bewusst die Tatsachen verschleiert und irreführt. Unworte des Jahres waren in den vergangenen Jahren zum Beispiel „Lügenpresse“ und auch „Remigration“. Das am Dienstag bekanntgegebene ist „Sondervermögen“.
Ein scheinbar harmloser Klang für eine schwierige Sache - in letzterem Fall ein riesiger Schuldenberg. Und wenn diese Worte unkritisch benutzt und immer wieder wiederholt werden, werden sie zur Normalität.
Und dann prägen sie auch Normalität. Denn Worte sind mehr als nur Worte, das weiß die Bibel schon lange. Gleich zu Beginn wird erzählt, dass Gott spricht und es im gleichen Augenblick schon wird.
Gott sprach: es werde Licht – und es ward Licht!
Das biblische Verständnis vom Wort, auf Hebräisch heißt das „davar“, ist genau das beides zusammen: Davar heißt nicht nur Wort, sondern zugleich auch Tat. Worte sind die erste Form des Handelns.
Sprache tut etwas. Sie schafft Wirklichkeit. Die Regenbogentonne ist ein gutes Beispiel dafür. Wir sind permanent umspült von zerstörenden Worten. Gerade deshalb müssen wir die guten Worte ausgraben und unter die Leute bringen.
Unsere Sprache nutzen, andere mit heilenden und stärkenden Worten ansprechen. Und das kann jeder und jede. Nehmen Sie sich doch jetzt noch einen Moment Zeit – rufen Sie sich Ihre guten Worte in den Sinn.
Regenbogentonne. Hoffnung. Nachtsegen. Und dann: behalten Sie sie nicht für sich. Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Sonntag.